Alle technologischen Entwicklungen können erst im kulturellen Zugriff ihre disruptive Relevanz entfalten. Und erst, wenn wir uns die Technik angeeignet haben, kann sie sich weiterentwickeln, sich unseren Bedürfnissen anpassen.

Ach nee – nicht schon wieder. Immer wenn ich einen dieser Newsletter in meinem Postfach aufmache, der sich im weitesten Sinne mit dem Thema „Digitalisierung“ auseinandersetzt (und Hand auf’s Herz: welcher aktuelle Newsletter tut das nicht?) dann wird der Ethnologe in mir nervös. Kann es tatsächlich sein, dass bis auf ein paar wenige versprengte Geister aus der Medientheorie- und Kulturfraktion der Rest der Welt Digitalisierung als eine etwas aus dem Ruder laufende Party technikverliebter Silly con Valley Helden versteht? Als ein Sommernachtstraum fröhlich kopulierender Algorithmen, die bei jedem Zusammentreffen im Netz ohne Scham und mit fast schon verbissener Lust immer neue Babys erzeugen, die uns dann Stück für Stück die Butter vom Brot, bzw. die verbleibenden Kaviarreste vom großen Buffett menschlicher Errungenschaften fressen?

Die Driving Forces einer Nächsten Gesellschaft haben ihren Ausgangspunkt in digitalen Technologien.

Digitalisierung als globales Technologie-Beben der Stärke 7 auf der nach oben offenen Richterskala zu verstehen, als einen schwindelerregenden globalen Sprint immer neuer technischer Errungenschaften, die ein Eigenleben out of control und jenseits von Eden entwickelt haben – das ist glaube ich nur die halbe Miete. Wenn überhaupt.

 

Vielversprechende SciFi-Phantasien vs. Weltverbesserung

So faszinierend die Schlagzeilen dazu auch sind: Nanoroboter, die fröhlich böse Krebszellen vertilgen, umsichtige Autos, die uns nach einer durchzechten Nacht nach Hause fahren, AI-gestützte Email-Programme, die all den Wust im Posteingang sortieren und nebenbei auch noch ganz von allein eine persönlich gehaltene Kondolenzkarte zum Todestag des besten Freundes verschicken .. ach ja, und dann noch der Kühlschrank, der sich schon vor dem Feierabend mit dem Lieferservice von Amazon abgesprochen hat, damit die nach besagter Nacht dezimierten Biervorräte wieder aufgefüllt werden, und der es dank intelligenter Haustechnik nebenbei noch geregelt bekommt, die Lieferdrohne reinzulassen .. das alles sind schon tolle Sachen irgendwie. Wenn damit dann sogar ein paar echte Probleme der Menschheit angegangen werden würden, wären das fast schon so etwas wie Meisterstücke des technologischen Fortschritts. Das muss man sich mal – ganz nebenbei – vorstellen: all die Google-Milliarden gehen nicht in noch bessere Werbung für Dinge, die eigentlich kein Mensch braucht, sondern dienen dem, sagen wir mal, besseren Zugang zu sauberem Trinkwasser für all die Millionen Menschen, die ihren Durst bislang tagtäglich aus dreckverseuchten, lehmigen Wasserlöchern lindern .. ich denke, da würde schon was gehen. Nun ja ..

 

Digitalisierung als kultureller Umbruch

Und ich muss zugeben: Ich gehe mit bei der (mit viel Lustangst rezitierten) Masterthese, dass die Driving Forces einer Nächsten Gesellschaft ihren Ausgangspunkt in digitalen Technologien haben. Die Geister, die wir rufen, manchmal sogar beschwören, hören natürlich auf so poetische Namen wie „AI“, „Robotics“, „Cloud“, „Algorithmus“ oder „Deep Learning“ – eine illustre Familie von Superhelden des Marvel Verlags, die in ersten Anläufen sogar schon verfilmt wurden – die Matrix lässt grüßen.

Um was es mir eigentlich geht: Alle diese technologischen Entwicklungen haben kulturelle Implikationen. Ach was – keine Implikationen, sondern sie entfalten erst im kulturellen Zugriff, sprich in unseren Alltagspraktiken, ihre disruptive Relevanz. Die Technik ist das Eine. Wie wir sie zähmen, welche Umgangsformen wir damit entwickeln, wie wir einen zivilisierten Umgang damit finden, kurz: wie wir sie kulturell domestizieren – das sind für mich viel mehr die Schlüsselfragen, die es zu beantworten gilt.

Die Technologie ist der Groove – welches Stück wir daraus machen, und wie viele von uns überhaupt dazu tanzen können, das ist eine Frage, die nicht von der Technik beantwortet werden kann und wird.

Diesen Punkt würde ich gern machen: Digitalisierung ist für mich in erster Linie kein technologischer, sondern ein kultureller Umbruch. Die Kulturtechniken, die es braucht, um die unumkehrbaren Auswirkungen technologischer Pfadabhängigkeiten zu meistern (und die wir entwickeln müssen, wenn wir nicht zu Zuschauern des eigenen Bühnenstücks werden wollen), diese Kulturtechniken entscheiden über das Hop oder Top der Nächsten Gesellschaft. Die Technologie ist der Groove – welches Stück wir daraus machen, und wie viele von uns überhaupt dazu tanzen können, das ist eine Frage, die nicht von der Technik beantwortet werden kann und wird. Mobile Telefone sind eine technische Errungenschaft – die damit einhergehende ständige Erreichbarkeit von Menschen zwingt uns, neue Kulturtechniken zu entwickeln, wie wir (technologisch) erreichbar sind, ohne (sozial) erreichbar zu sein. Oder (sozial) erreichbar sind, ohne (persönlich) erreicht zu werden. Facebook & Co definieren unsere sozialen Beziehungen auf eine neue Art und Weise. Ich wüsste ansonsten nicht, wie man mit 14.860 Freunden umzugehen hat. Alle zur Geburtstagsparty einzuladen ist jedenfalls keine so gute Idee ..

 

Von der Kultur zurück zur Technik

Und natürlich hat das Ganze dann auch wieder Auswirkungen auf technologische Komponenten: Die Erfindung von Mailboxen oder diesem kleinen Knopf, mit dem Sie Ihr Handy stumm schalten können sind eine technische Antwort auf die kulturelle Überforderung der ständigen Erreichbarkeit.

Auf den Punkt gebracht: Technologie ist wie Halloween. Sie kommt einfach vorbei und fragt “Süßes oder Saures?“. Was dann passiert, ist in erster Linie eine Frage der Kultur, präziser: der Frage nach angemessenen Kulturtechniken, um sich mit den Geistern ins Benehmen zu setzen, die uns ansonsten schnell auf der Nase herumtanzen. Es ist nicht die Frage nach der Technologie, sondern die Frage nach Kulturtechniken, die hier einen Unterschied macht.

Dieser Frage werde ich mich in den folgenden Beiträgen widmen. Ein Anfang zum Thema „Screening“ ist bereits gemacht: Bildschirme erfordern & ermöglichen einen anderen Weltzugang als Bücher. Um nicht von den Abermillionen Bildschirmen einfach nur geblendet zu werden, müssen wir sie „lesen” lernen. Und diese Kulturtechnik funktioniert anders als das Lesen eines Buches. Check. Als nächstes ist dann „Tracking“ dran: Welche (neuen) Kulturtechniken braucht es, um der permanenten Verfolgbarkeit von Allem und Jedem gerecht zu werden?

Stay tuned, wie es so schön heißt .. man hört bzw. liest sich 

Best
Bernhard Krusche