Screening wird als neue Kompetenz immer wichtiger, damit Sie sich im Verlinkungs-Dschungel zurechtfinden. Ich erläutere in diesem Blogbeitrag, wie Sie sich das Screening aneignen können und einen gesunden Umgang mit Algorithmen gewinnen.

Ich bin ein großer Fan von Büchern. Spätestens durch meinen letzten Blogbeitrag wissen Sie das sicherlich. Ein Buch – das ist für mich eine fremde Gedankenwelt, in die ich eintauche und von der ich mich leiten lasse. Wenn ich lese, bin ich konzentriert. Ich versinke im Text, lasse mich von ihm leiten, bin fokussiert und aufmerksam. Ganz anders, wenn ich im Internet unterwegs bin.

 

Den Überblick behalten

Ich glaube ja nicht, dass ich ein Analphabet bin im Umgang mit Handys, Computern, Tablets & Co. Und trotzdem verliere ich mich ab und zu in den Weiten des Internets. Drifte entlang einzelner Links, verliere den Fokus. Schweife ab. Klicke mich von einem Querverweis zum nächsten, und lande plötzlich auf Seiten, die mir vollkommen fremd sind.

Ich staune, und lasse mich auf Pfade verführen, die auf meiner inneren Landkarte noch nicht einmal verzeichnet waren. Es fühlt sich an wie ein Flanieren, wie es Walter Benjamin dem Großstädter zuschrieb: Mondäne Zerstreuung.

Das ist kein Wunder, schließlich ist das Internet im Kern ja nichts anderes als eine unfassbar große Ansammlung von Links, die auf andere Links verweisen: Meinungen, Bilder, Videos, Worte, Nachrichten, Texte. Eine mittlerweile unüberschaubare Anzahl von Fragmenten, Bits & Bytes eben, die sich partout nicht zu einem großen Ganzen ordnen lassen.

Um in diesem Ozean der Vielfalt sicher navigieren zu können, brauchen Sie und ich eine wichtige Kompetenz: Screening. Damit können Sie die Vorteile des Internets nutzen, ohne sich darin zu verlieren.

 

Lesen, Schreiben, Screenen

Dieses Driften im Internet kennen Sie sicher auch. Es ist eine ganz eigene Art und Weise, sich in der Welt zurechtzufinden, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sich in Bezug zu ihr zu setzen. Das ist etwas ganz anderes als Lesen, und auch etwas anderes als das mündliche Gespräch mit all seinen Vor- und Nachteilen der Flüchtigkeit und Authentizität. Dieses Driften ist eine faszinierende Sache. Plötzlich tun sich Verbindungen auf, die so nicht vorgesehen waren. Überraschende Nachbarschaften, die Brüche erzeugen statt Konsistenz. Ich staune, und lasse mich auf Pfade verführen, die auf meiner inneren Landkarte noch nicht einmal verzeichnet waren. Es fühlt sich an wie ein Flanieren – die Art der Fortbewegung, die Walter Benjamin in seinem epochalen Passagen-Werk dem Großstädter zugeschrieben hat, der durch die Stadt streift und sich in den Schaufenstern einer bunten Warenwelt verliert: Mondäne Zerstreuung.

Das alles kann nicht nur interessant, sondern auch nützlich sein. Wenn Sie etwa durch solche Querverlinkungen auf Gedankengänge oder Ideen stoßen, die Ihren Horizont erweitern, und auf die Sie ohne den fast beiläufigen Klick nie gestoßen wären. So bin ich zum Beispiel auf den empfehlenswerten Text „Gegen Wahlen“ von David Van Reybrouck gestoßen. Er setzt Verbindungen zwischen Wahlen und Populismus und bietet überraschend alte und doch für uns sehr neuklingende Alternativen der demokratischen Abstimmung. Das sind echte Bereicherungen, die quasi dem Zufall geschuldet sind (ok, sofern es diesen überhaupt gibt) – und auch das Screening hat populistische Anflüge.

Die Welt wird zu einem endlosen Stream von nebeneinander herlaufenden Einzelereignissen. Das Elend von Flüchtlingen steht unverbunden neben der neuen Sommerkollektion eines coolen Start-ups, das sich auf ökologisch einwandfreie Mode spezialisiert hat.

Dass diese Art der Wissensaneignung, die in der Schule vermittelte Stringenz der Lerninhalte konterkariert, halte ich für unbestritten. Und dass damit auch gewisse Bedenken einhergehen, ebenfalls. So entsteht beim Screening einerseits ein breites Wissen. Gleichzeitig beschränkt sich dieses Wissen oft auf oberflächliche Momentaufnahmen und zusammenhanglose Fragmente, die bestenfalls dafür geeignet sind, bei Stadt, Land, Fluss eine gute Figur zu machen. Wird dieses Driften zur einzigen Informationsquelle, besteht die Gefahr, dass Sie mit einer Mischung aus oberflächlichen Halbwahrheiten, reinen Meinungen, emotionalen Stimmungsbildern und nur noch mehrheitsfähigen Einschätzungen durchs Leben gehen – ohne überhaupt zu merken, wie dünn das Eis ist, auf dem Sie sich da bewegen. Eine Pseudo-Vielfalt entsteht, die – ähnlich wie die Idee von Multi-Kulti – eher folkloristischen Ansprüchen genügt denn einer fundierten Sicht auf die Dinge.

Screening also pauschal als gut oder schlecht abzustempeln, ist zu kurz gedacht. Es handelt sich dabei vielmehr um eine neue Technik – eine neue Art, die Welt zu erleben und sich in ihr zurechtzufinden. Eine Welt, die genau dadurch zu einem endlosen Stream von nebeneinander herlaufenden Einzelereignissen wird. Das Elend von Flüchtlingen steht unverbunden neben der neuen Sommerkollektion eines coolen Start-ups, das sich auf ökologisch einwandfreie Mode spezialisiert hat.

Mit dieser Vielzahl von Momentaufnahmen umzugehen, sie als eine – aber eben nur eine – Form der Orientierung und des Weltzugangs zu nutzen, sprich: eine Kulturtechnik zu entwickeln, die diesem Modus gerecht wird – das ist weiß Gott keine Luxusfrage. Daran hängen all die Errungenschaften einer Gesellschaft, die erst dadurch – zumindest nach westlichen Maßstäben – zu einer lebenswerten Sphäre wird. Ohne diese Kulturtechnik werden wir als Menschen im digitalen Zeitalter nicht zurechtkommen. Die damit verbundenen Herausforderungen zu ignorieren, ist keine Option. Wie also lässt sich ein in diesem Sinne guter Umgang mit den omnipräsenten Bildschirmen lernen?

 

Achtung: Verwechslungsgefahr

Das geht – soviel ist klar. Wie bei jeder Kulturtechnik wurde uns auch das Lesen nicht in die Wiege gelegt. Sie haben es im Laufe der Zeit gelernt. Das Gleiche gilt auch für das Screening. Einen ersten Kniff dazu möchte ich Ihnen gleich hier ans Herz legen:

1. Die Quelle nachvollziehen

Wann immer Sie Informationen über einen Bildschirm konsumieren, nehmen Sie sich kurz Zeit, um sich zu fragen: Woher kommen die Informationen? Kontrolliert – wie bei Wikipedia – eine Community die Inhalte? Bei Büchern nehmen Sie implizit an, dass die Autoren viel Arbeit in die Texte steckten und alle Thesen sorgfältig recherchierten. Das gilt nicht unbedingt für die Textfragmente aus dem Internet. Verwechseln Sie Ihre alte Technik des Lesens an dieser Stelle nicht mit dem Screening! Viele der Aussagen, die Sie via Bildschirm aufnehmen, durchlaufen schlicht nicht den gleichen Reifungsprozess. Ihnen werden alternative Fakten aufgetischt – eine herrlich demaskierende Beschreibung dieses Phänomens.

 

Raus aus dem Tunnel

Das kritische Hinterfragen von Inhalten aus dem Internet ist eine Kompetenz, die meiner Meinung nach schon in der Grundschule vermittelt werden sollte. Analog zum Lernen von Lesen und Schreiben und dem Umgang mit Büchern sollte dort Screening einen festen Platz im Lehrplan haben.

Ein fester Bestandteil des Unterrichts muss dann auch die Frage sein, wie das Filtern von Informationen funktioniert, sprich wie die Algorithmen arbeiten, die uns die Welt auf ein verwirrungsfreies Maß zurechtschneiden. Meinungsbildung braucht Vielfalt. Und genau die wird durch einen Mechanismus eingeebnet, der bereits bestehende Präferenzen verstärkt, sprich darauf geeicht ist, Ihnen mehr vom Gleichen anzubieten.   

Genau das ist nämlich das Tückische am Algorithmus von Google, Amazon, Facebook & Co. Er ist viel zu gut auf Ihre Interessen abgestimmt. Das scheinbar Neue – eine Buchempfehlung, neue Freunde, Orte und Ereignisse, die für Sie von Interesse sein könnten – all die Empfehlungen sind lediglich Variationen von bereits Bekanntem. Nur so entsteht das fast schon unheimliche Gefühl, Neues zu entdecken, das einem irgendwie auch schon bekannt vorkommt. Wirklich Neues wird einfach weggefiltert – ohne dass Sie auch nur den Hauch von Einfluss darauf haben.

Die Folge: Sie geraten in einen Tunnel. Die Informationen links und rechts nehmen Sie gar nicht mehr wahr, die sind dank der personalisierten Suchmaschine außerhalb Ihres Blickfeldes. Wollen Sie sich eine eigenständige Meinung bilden, müssen Sie raus aus dem Tunnel. Und da müssen Sie selbst aktiv werden, das übernimmt Google nicht für Sie.

 

Auf unbekanntem Terrain

2. Wagen Sie sich auf unbekanntes Terrain

Suchen Sie nach Newsfeeds, die Sie noch nie gelesen haben. Versorgen Sie sich ganz bewusst mit ungewohnten Informationsströmen. Trotzen Sie dem Algorithmus. Am besten, indem Sie mit ihm spielen. So wie ich neulich bei Amazon mit wachsendem Vergnügen nach Büchern über Vulkanismus und Mausefallen gesucht habe. Um zu beobachten, wie sich die Zusammenstellung der Empfehlungen ändert – in Echtzeit, versteht sich.

Natürlich ist es einfacher, nur auf die Links und Anzeigen zu klicken, die Ihnen sowieso angezeigt werden. Die personalisierte Werbung, zu der Sie immer auch aktiv zustimmen müssen, ist genau dazu da. Aber so ist es nun mal bei dem Erlernen neuer Techniken: Der leichteste Weg führt meistens nicht zum Erfolg.

Das Gute ist: Sie haben unzählige Gelegenheiten, Ihre Fertigkeiten im Umgang mit Bildschirmen auszubauen. Jedes Mal, wenn Sie auf Ihrem Handy Nachrichten lesen. Aktiv Ihre Social Media Kanäle nutzen. Eine Google-Suche starten. Etwas bei Amazon einkaufen. Sich in Ihren Facebook Account einloggen. Ein Tweet absetzen. Musik streamen. Ihre nächste Reise buchen. Sprich: Ihren Alltag leben.

Hören Sie also auf, sich über die Algorithmen zu ärgern. Oder Sie über den grünen Klee zu loben. Fangen Sie lieber an, den richtigen Umgang mit ihnen zu lernen. 

PS.: Welche weiteren Kulturtechniken Sie noch erlernen können, schlüssele ich nach und nach in meinen nächsten Blogbeiträgen auf.