Sie werden beobachtet. Permanent. Womöglich haben Sie diese Beobachtung selbst veranlasst. Indem Sie Ihrem Smartphone erlauben, Ihren Standort anzuzeigen, Ihre Schritte zu zählen oder wenn Google Ihre E-Mails nach möglichen Terminen durchforstet für Ihren Google Kalender. Mit welcher Haltung sollen wir dem ständigen Datensammeln begegnen? Ist Paranoia angemessen oder doch lieber Augen zu und durch? Ich denke: Weder noch!

Willkommen in der Welt des Trackings: Ich wache morgens von einer Vibration an meinem Handgelenk auf. Mein smarter Wecker sagt mir, dass ich jetzt meine fünf Schlafzyklen durchgeschlafen habe. Das Gerät trackt meine Bewegungen im Schlaf und weckt mich, wenn ich mich wieder in einer Leichtschlafphase befinde. Dabei kann ich einstellen, wie lange ich schlafen will, wie viele Schlafphasen ich mir gönne. Am Frühstückstisch angelangt zeigt mir mein Tablet Artikel an, die mich interessieren könnten, ausgehend von meinen Webaktivitäten und meinem Klickverhalten bei der Auswahl, die es mir vorschlägt. Die App wird von Mal zu Mal besser. Ich swipe mich durch Artikel von den unterschiedlichsten Online-Magazinen aus der ganzen Welt, interessante Videos und Podcasts. Während ich meinen Kaffee schlürfe höre ich einen Beitrag von SWR2 Wissen zu „Der vermessene Mensch. Und ich erfahre: Sogar Thomas Mann hat sich schon getrackt! In seinen Tagebüchern hielt er Einzelheiten fest über die Fortschritte seiner Arbeit, seine Stimmungen, Reisen, Krankheiten und Begegnungen.

 

Nur die inneren Werte zählen?

Mir scheint, dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis ist, uns messen zu wollen. Nicht nur an und mit anderen, sondern auch uns selbst. Als ob wir uns immer wieder neu kennenlernen wollen. Ein Hang, mit dem wir uns unbewusste Abläufe bewusst machen und einzelne Symptome und Ereignisse miteinander in Verbindung bringen. Der einzige Unterschied zwischen Thomas Mann und mir scheint zu sein, dass ich heute Mittel zur Verfügung habe, um ein Vielfaches mehr an Daten über mich und meine Umgebung zu sammeln.
Und: Ich muss all diese Daten nicht selbst auswerten. Das machen nun andere für mich. Durch Apps und Dienste, die meine Speichel- und Schweißzusammensetzung aufschlüsseln und erklären. Die mir sagen, dass ich mehr Obst essen sollte, wann meine produktivste Zeit ist und wann es gut wäre, aufzustehen. Nach der Vermessung der Welt folgt nun die Vermessung des Körpers. Aber damit hört es nicht auf.

Nach dem Frühstück fahre ich mit dem Auto zu einem Meeting. In seinen technischen Untiefen steckt ein Chip, der die kleinsten Unfälle direkt an meine Versicherung meldet. Die Versicherung belohnt mich im Gegenzug mit günstigeren Beiträgen, wenn ich vernünftig fahre. Auf dem Weg zum Treffpunkt begegnen mir smarte Ampeln, die den Verkehr tracken und anhand der gesammelten Daten prognostizieren, wann und wo das meiste Verkehrsaufkommen ist. Stau ade – der gesamte Verkehr läuft dadurch flüssiger .. Na gut, dieses Szenario ist noch eine Wunschvorstellung, die sich allerdings schon in der Entwicklung befindet.

Wo man hinguckt und hinhört: Skepsis und Angst vor den technischen Entwicklungen.

 

Zwischen Himmel und Hölle

Am Abend, wieder zurück zu Hause, höre ich mir den Rest des Podcasts an und stoße entnervt auf die typischen Reaktionen im deutschsprachigen Raum, wenn es um Digitalisierung geht: Die Angst vor Arbeitsplatzverlust, womöglich falsche medizinische Diagnostik durch den Endnutzer, Datenklau, Big Brother, usw. Wo man hinguckt und hinhört: Skepsis und Angst vor den technischen Entwicklungen. Spätestens hier werde ich unruhig.

Verstehen Sie mich nicht falsch, das alles sind valide Einwände. Was mich daran stört, ist der Mangel an Vorschlägen. Und zwar konstruktiven. Also solchen, die nicht in utopischen Höhen und dystopischen Tiefen schwirren. Die also nicht das Paradies oder die Hölle auf Erden beschwören.

Let‘s face it: Wir müssen davon ausgehen, dass dieses systematische Sammeln von Daten keine Modeerscheinung ist. Sondern im Gegenteil durch Selbstverstärkung zu einer dieser technologischen Strömung wird, die unumkehrbar unser Leben bestimmen wird. Diesen Datenstrom, der zu einem überdimensionalen Fluss heranwächst und den wir sekündlich selbst (!) exponentiell wachsen lassen, können Sie übrigens in Echtzeit verfolgen. Und zwar hier.

 

Wir wissen mittlerweile: dieser Fluss stockt an einigen Stellen. Nicht nur die Geheimdienste, sondern Firmen wie Alphabet, Facebook, Microsoft & Co errichten Staudämme, behalten Daten für sich, nutzen sie, um eigene (wirtschaftliche) Interessen zu verfolgen. Das erzeugt Skepsis: Wer sammelt hinter meinem Rücken welche Daten über mich? Und wie werden sie weiterverwendet? Ich kann ja schließlich kein Fähnchen auf meine Daten-Bits und -Bytes stecken um damit ihren Weg zu verfolgen. Diese Intransparenz sorgt für Vertrauensverlust. Und mit dem Vertrauensverlust kommen Skepsis und Überforderung. Ruck-Zuck ist das alles Teufelswerk, das wir in Bausch und Bogen verdammen. Das ist nicht gut – und greift definitiv zu kurz.

 

Von der Indifferenz zur Ausdifferenzierung

Auf der anderen Seite erlaubt nämlich die schiere Menge an Daten eine immer präzisere Analyse der Bedürfnisse der Datenlieferanten. Die allerorts geforderte Kundenzentrierung etwa bekommt auf einmal eine ganz andere Tiefenschärfe. Unsere Gesellschaft wird granular, sagt der Soziologe Christoph Kucklick.

Wir müssen davon ausgehen, dass dieses systematische Sammeln von Daten keine Modeerscheinung ist

Das heißt: Otto Normalverbraucher verschwindet. Er macht Platz für Sie und mich. In all der Individualität, mit allen Ecken und Kanten. Medikamente werden nicht für statistisch häufige Krankheitsbilder gefertigt, sondern individuell und einzigartig für mich zusammengestellt. Autos werden nicht für ein bestimmte Zielgruppe gebaut, sondern für mich allein. Ein alter Wunschtraum geht in Erfüllung, bzw. wird bezahlbar: My car is my own castle. Das gleiche gilt für Häuser, Schuhe, Müsli, Mode, Nahrung, Bildung – für alles, was unser Herz begehrt.

Pauschalreisen war gestern. Heute zählt der anhand meiner im Netz hinterlassenen Datenspuren präzise zusammengestellte Urlaub, der auf meine persönlichen Präferenzen Rücksicht nimmt, ja diese radikal in den Mittelpunkt stellt. Noch nie war es einfacher, meine ganz privaten Wünsche erfüllt zu bekommen – ein Paradies für neue Geschäftsgelegenheiten.
Wenn wir Tracking als eine der technologischen Grundströmungen ernst nehmen, die unser Miteinander unaufhaltsam prägen werden, dann stellt sich spätestens hier eine zentrale Frage: Welche Kulturtechniken müssen Sie und ich entwickeln, um der permanenten Verfolgbarkeit von Allem und Jedem gerecht zu werden?

Noch herrschen hier Verunsicherung und Skepsis, die immer wieder in komplette Ablehnung umschlägt. Aber ich bin sicher, dass wir schon bald einen erwachsenen Umgang mit dem Tracking unserer (digitalen) Lebensäußerungen finden werden. Zu groß sind die persönlichen Vorteile, die sich aus der radikalen Individualisierung von Problemlösungen, von Produkten und Dienstleistungen ergeben.

Mit Google & Co auf Augenhöhe? Das geht!

Der Schlüssel hierfür sind Aushandlungsprozesse. Wir müssen aushandeln, was anonym bleiben soll und was personifiziert werden kann. Wann ist es sinnvoll, dass der Algorithmus/der Online-Dienst meiner Wahl weiß, wer gerade tippt? Und wann ist es überflüssig, da anonymisiert gesammelte Daten bereits ausreichen, um ein Meinungsbild über ein Produkt oder einen Dienst zu erhalten?

Klar: Um zu verhandeln, braucht es eine gewisse Augenhöhe mit denjenigen, die diese Daten sammeln und auswerten. Ja, Sie haben richtig gehört. Ich meine auf Augenhöhe mit Google & Co. Das geht! Weil diese Augenhöhe nämlich durch genau dieselben Netzwerkeffekte erreicht wird, die das Sammeln der Daten so lukrativ macht. MIF “Massive Instant Feedback“ so lautet das Zauberwort dafür. Wer sich schon mal die Dynamik eines Shitstorms angeschaut hat, weiß genau was ich meine. Wir User sind vernetzt – unsere Bedürfnisse, unsere Rückmeldungen bekommen dadurch eine ungeahnte Schlagkraft.

Ein Beispiel gefällig? Immer mehr von uns personalisieren den Zugang zum Internet “den Browser“ also. Wir installieren Adblocker, um keine Werbung mehr zu erhalten. Und, kaum zu glauben: plötzlich ermöglicht einer der größten Browser-Anbieter “ Firefox “ in seiner aktuellen Version eine Standardeinstellung, mit der man nicht mehr getrackt wird.

Immer mehr Online-Dienste fangen an, Daten nicht als neue Währung, sondern als Mittel zur Verbesserung ihrer Angebote zu begreifen. Weitergehende Services kosten Geld – und wir sind bereit zu zahlen. Für mehr Privatsphäre, für mehr Vertrauen, dass wir die Hoheit über unsere Daten behalten. Hier ist etwas in Gang gekommen, dass sich elegant zwischen düstere Weltuntergangsfantasien und naive Zukunftshoffnung schiebt.

Durchaus optimistisch grüßt
Bernhard Krusche

Tracken können wir uns nur, weil unsere Gerätschaften immer smarter werden. Irgendwann wird es Künstliche Intelligenz aus der Steckdose geben. Mehr in meinem nächsten Blogbeitrag.